Die IGS Grünthal in Stralsund nimmt derzeit an dem europäischen Projekt ERASMUS+ teil, indem verschiedene europäische Nationen ihre Erfahrungen austauschen. Dazu kommen Schüler aus verschiedensten Ländern nach Deutschland, um unser Land und unsere Kultur kennenzulernen. Im Gegenzug besuchen Schüler aus Deutschland diese Länder.

Auch unser Sohn nimmt an diesem Projekt teil und so kam es, dass Kalle bei uns zu Besuch war. Kalle ist ein sehr wissbegieriger und offener Teenie aus Finnland, der unseren „normalen“ Tagesablauf für eine Woche komplett änderte. Jetzt werden einige Denken „Gastfamilie, na und das machen andere doch auch“. Klar, aber es ist für jeden eine individuelle Erfahrung. Der eine sagt sich am Ende der Zeit „ein Glück, dass er/sie wieder weg ist“ und der Andere „was, ist die Woche schon rum“. Für uns trifft eindeutig das Letztere zu, denn es wurden unbezahlbare Erfahrungen. Nicht nur, dass unsere Kinder Weltoffenheit und den positiven Umgang mit „Ausländern“ lernen, sondern ihn auch wirklich (er)leben. Ganz nebenbei haben wir unseren eigenen Horizont erweitert. Wir lernten so Einiges über Finnland. Kalle, im Gegenzug, viel über Deutschland, vor allem unserer schönen Region. Leider viel zu wenig über Elmenhorst, denn bei der Fahrt zur Schule und auf dem „Heimweg“ war es Jahreszeit bedingt dunkel. Aber wie sagt man so schön „was nicht ist, kann ja noch werden.“

Kalle spricht mit seinen 14 Jahren perfekt Englisch. Das „good morning“ war noch eine leichte Übung für uns, seinen finnischen Humor zu verstehen für uns schon sehr herausfordernd und davon hatte er reichlich. Er gab uns „Unterricht“ in Finnisch, was zwar sehr zur Belustigung beitrug aber auf keinen Fall in unserem Kopf Platz fand. In seinem schien jedoch noch genug Reserven verfügbar zu sein, denn sein Wortschatz nahm einige deutsche Wörter auf, vor allem „ach so“. Wenn wir nach Verständigungsproblemen endlich auf die Lösung kamen, war dieser Ausdruck die Nummer 1 in dieser erlebnisreichen Woche.

Er interessierte sich sehr für unser Land und wollte unbedingt deutsches Essen probieren. Bratwurst und Schnitzel hatten im Laufe der Woche schon Platz in seinem Magen gefunden und so wagte er sich am letzten Abend an die Grillhaxe. Wie soll ich es sagen, Eine für zwei hätte gereicht. Zum Abschied nahm er noch ein paar typische Dinge aus unserer Gegend mit, unter anderem auch den leckeren Derer-Glühwein. Wir haben ihm selbstverständlich gesagt, dass er für seine Eltern ist und er ihn nicht auf dem Flug austrinken soll. Gut verstaut fand er Platz in seinem Hartschalenkoffer. Sollte er sich wider Erwarten auf dem Heimweg im Koffer verteilen, wären rote Kleidungsstücke bestimmt auch eine schöne Erinnerung, immerhin können heutzutage auch Jungs alle Farben tragen.

Im kommenden Jahr fliegt unser Sohn nach Finnland um dessen Land und Leute kennenzulernen. Der Austausch mit Lehrern und anderen Eltern zeigte, wie positiv das Projekt angenommen wurde. Sicherlich hatten einige Gastfamilien auch Schüler, die weniger gut englisch gesprochen haben als unser cooler, sympatischer Witzbold, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. 8 Nationen nahmen nach einer Woche voller experience, events & culture exchange Abschied voneinander. Diese eine Woche brachte auch Freundschaften hervor, die durch manch eine Träne beim goodbye begleitet wurde.

Respekt an alle mutigen, wissenshungrigen & weltoffenen Schüler und vor allem an diejenigen, die dieses Projekt erst ermöglicht haben und es noch eine Weile begleiten. Durch diesen Kulturaustausch lernen unsere Kinder auch über ihren eigenen Tellerrand hinauszuschauen und „Ausländer“ als Gäste und nicht als „Pickel im Gesicht“ zu betrachten. Auch wir wollen als Gäste im Ausland behandelt werden, denn dort sind wir die Ausländer. Kalle kann auf jeden Fall gerne wiederkommen.

Jan Kopplin