Der gebürtige Rüganer Christoph Heinrich Schwabe investierte Mitte des 19. Jahrhunderts in Stralsund und baute eine Sensenschärfer-Fabrik.

Stralsund. Mitte des 19. Jahrhunderts lebte in Elmenhorst bei Stralsund der in Gingst geborene Rüganer Christoph Heinrich Schwabe mit seiner Familie. Um sie ernähren zu können, stellte der im Winter arbeitslose Maurer Sensenschärfer her. Das Hauptmaterial dafür bezog er aus dem Abtshäger Wald. Die Qualität der Sensenschärfer von Schwabe aus Elmenhorst war sehr gut. Bald war die Nachfrage so groß, dass Christoph Heinrich Schwabe sich nur noch der Herstellung des Produkts zum Wetzen von Sensen und Sicheln widmete.

Er wollte nun eine Sensenschärferfabrik in der Hansestadt eröffnen. Dazu benötigte Schwabe das Stralsunder Bürgerrecht, das er am 24. März 1866 in Form des dritten und niedrigsten Grades erhielt. Als er sich Fabrikant nennen durfte, verlieh ihm der Rat am 30. Januar 1869 das Bürgerrecht ersten Grades. 1866 erwarb Schwabe für 1330 Taler eine Parzelle auf der sogenannten Frankenweide und stellte einen Bauantrag: „Auf meinem Grundstück, Franken Weide, Parcelle Nr. 23 belegen, beabsichtige ich den Neubau verschiedener Gebäude, namentlich zweier Wohnhäuser, einer Scheune, eines Holzschuppens und eines Stallgebäudes, vorzunehmen. Die betreffenden Zeichnungen erfolgen anbei in drei Exemplaren, und bitte ich ganz ergebenst: Eine Wohllöbliche Polizei-Direction wolle geneigtest mir auf Grund der Zeichnungen zu den beabsichtigten Bauten die erforderliche Bauerlaubniß erwirken“.

Der Bescheid sollte sogleich an den Stralsunder Maurermeister Friedrich Gustav Möllhusen geschickt werden. Die Erlaubnis für den Bau erhielt der Neubürger Stralsunds erst im März 1867. Auch das Militär musste zustimmen, da das besagte Grundstück im zweiten „Festungsrayon“ lag.

1868 wurde der Grundstein für das erste der fünf Gebäude gelegt. Aus gesundheitlichen Gründen musste Schwabe ein Jahr nach der Grundsteinlegung das Projekt seinen beiden Söhnen übergeben.

Nur wenige Jahre nach der Eröffnung der Fabrik setzten die Gebrüder Schwabe rund eine halbe Million Sensenschärfer ab. Hauptsächlich in Polen und Russland, aber auch in Frankreich, Belgien und in den skandinavischen Ländern waren die Erzeugnisse von Schwabe äußerst gefragt. Um die Produktion zu steigern, reichten die Gebrüder Schwabe am 26. Januar 1872 ein Gesuch zur Errichtung eines weiteren Fabrikgebäudes ein.

1873 erhielten sie vom Rat die Genehmigung zum Ankauf eines weiteren Grundstücks für die Errichtung einer Dampfschneidemaschine. Vater Christoph Heinrich hatte bestimmt, „daß neben den Fabrikgebäuden auch sofort zweckmäßig eingerichtete Wohnungen für die Arbeiter in Angriff genommen werden sollten“. Somit entstanden auf dem Grundstück zwischen der heutigen Karl-Marx-Straße, Greifswalder Chaussee und der Straße Zur Schranke neben Fabrikgebäuden, Scheunen, Schuppen und Pferdeställen auch Wohnunterkünfte für die Arbeiterfamilien.

Ludwig Adolf August Schwabe verstarb am 31. Dezember 1889 kurz vor seinem 50. Geburtstag. Seinen Anteil an der Fabrik sollte der Sohn Arthur Franz Malte (1869 -1909) übernehmen. Damit war wohl der Bruder Malte Christoph Heinrich Schwabe nicht einverstanden, denn nur so ist es zu erklären, dass es ab 1890 in Stralsund mit einem Mal zwei Sensenschärferbetriebe gab: Sensenschärferfabrik C. H. Schwabe, Inhaber Malte Schwabe, und Sensenschärferfabrik A. F. Schwabe.

Arthur Franz Malte Schwabe eröffnete Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts eine „Fisch-Räucherei und Konservenfabrik“ am Kleinen Diebsteig. Die Witwe von Ludwig Adolf August Schwabe, Mathilde Christiane Catharine, übernahm die Sensenschärferfabrik. Die Firmenbezeichnung lautete weiterhin Sensenschärferfabrik A. F. Schwabe.

Malte Christoph Schwabes im Jahr 1868 geborener Sohn Malte Johann Christian Theodor zog nach Wolgast und eröffnete dort eine Sensenschärferfabrik. Er verstarb am 5. April 1910. In den Adressbüchern findet man fortan nur noch die Sensenschärferfabrik A. F. Schwabe, die 1910 der Chemiker und Betriebsleiter der Stralsunder Zuckerfabrik, Otto Kräntzer, übernahm. Durch den Einsatz von Erntemaschinen sank in den 1930er-Jahren der Bedarf für Sensenschärfer. 1942 wurde das Stralsunder Unternehmen geschlossen.

Heute erinnert nur noch das Haus Zur Schranke Nr. 7 an die Firma. Das frühere Fabrikgebäude wurde zu einem Wohnhaus umgebaut.

Andreas Neumerkel

 

 

FOTO UND REPRO: STADTARCHIV STRALSUND

Artikel der OZ (Lokal Grimmen) vom 13.11.2017