Wegen der schlechten Ernte endet in den Lohnmostereien die Saison früher als sonst. Noch aber nehmen die Verarbeiter Äpfel an.

Satow/Stralsund/Wolgast. Mecklenburg-Vorpommerns privaten Lohnmostereien entstehen durch die schlechte Apfelernte erhebliche Einbußen. „2017 wird für uns ein Verlustjahr, da müssen wir an die Reserven ran“, sagt Rolf Peters, Inhaber der Mosterei Satow (Landkreis Rostock). Klaus Derer, Chef von Derers Mosterei und Obstbrennerei in Elmenhorst (Vorpommern-Rügen) geht sogar davon aus, dass er seine Mitarbeiter „mehrere Monate entlassen muss“. Auch Stefan Nowack, Inhaber der Mosterei in Lassan bei Wolgast (Vorpommern-Greifswald), klagt über „extremen Rohstoffmangel“.

Klaus Derer ist mehr als 30 Jahre, Rolf Peters sogar seit 40 Jahren im Apfelsaft-Geschäft. Ein Jahr wie dieses haben beide noch nicht erlebt. „Wir haben praktisch noch nichts in den Tanks“, sagt Rolf Peters. Die Firma mit knapp 20 Mitarbeitern, die der 64-Jährige zusammen mit Sohn Benjamin führt, verwendet fast ausschließlich Obst von Kunden, die Früchte aus ihren privaten Gärten zum Mosten bringen. Bisher hat der Betrieb „nur 20 Prozent der sonst üblichen Menge“ an Früchten verarbeitet. Branchenkollege Derer spricht von „einer Katastrophe“. Ein Blick in seine Abrechnung zeigt: Sein Unternehmen hat bei Äpfeln gerade mal 18 Prozent der Vorjahresmenge gepresst. „Anfang November hören wir auf, dann ist die gesamte Rohware verarbeitet.“ Die Lohnmost-Saison des Traditionsbetriebes bei Stralsund endet damit mehrere Wochen früher als üblich. Fünf Mitarbeiter beschäftigt das Elmenhorster Familienunternehmen – nicht zu verwechseln mit dem Fruchtsaftbetrieb am Rostocker Stadtrand, der die Marke „Elmenhorster“ herstellt. Der gehört inzwischen als Tochterfirma der Edeka-Gruppe zur Sonnländer Getränke GmbH und verarbeitet vor allem Äpfel von Plantagen bei Rostock und Kühlungsborn, nicht mehr aus privaten Gärten der Region.

Im vorpommerschen Elmenhorst dagegen freut Klaus Derer sich, wenn Kleingärtner ihre Früchte dort in Flüssig-Vitamine verwandeln lassen. In guten Jahren nimmt die Firma täglich fünf bis zehn Tonnen Äpfel an, dieses Jahr waren es oft nur 200 bis 500 Kilo pro Tag. Am 14. September allerdings stand nicht ein einziger Kunde auf dem Hof. „Das hatten wir noch nie“, berichtet der 61-Jährige. Sein Branchenkollege Nowack in Lassan bestätigt: „Aus Privatgärten haben wir vielleicht zehn Prozent der sonst anfallenden Mengen bekommen.“ Auch die Satower Mosterei kennt dieses Jahr keine Schlangen – weder im Stammbetrieb bei Bad Doberan, noch an den Haltepunkten der mobilen Saftpresse, mit der Juniorchef Benjamin Peters pro Jahr sonst zwischen Schwerin und Barth mehr als 15 Standorte „bereist“. Derzeit lohnt sich das kaum. „Nächste Woche machen wir Schluss mit der mobilen Presse“, sagt Peters senior. Viele der langfristig vereinbarten Termine wurden abgesagt. „Es waren einfach zu wenig Äpfel da, das haben die Veranstalter gesehen.“ „Dieses Jahr brauchen wir jeden Apfel“

Trotzdem will die Satower Mosterei bis in den Dezember hinein Saft pressen. Rolf Peters hofft, dass aus Gärten mit besseren Erträgen noch ein paar Enthusiasten kommen. „Wir nehmen auch kleinere Mengen an. Dieses Jahr brauchen wir jeden Apfel“, sagt der Fachmann. Bei Rhabarber, Quitten, Johannes- und Stachelbeeren sei die Ernte gut gewesen, da wird Apfelsaft auch als Grundlage für Mischsäfte gebraucht.

Der Vorpommer Derer meint:  „Die Birne stecken wir aber nicht in den Sand.“ Er setzt auf treue Partner mit Streuobstwiesen. Der Naturschutzbund Stralsund zum Beispiel lasse mehrere Tonnen Äpfel und Birnen von der Insel Koos bei Derers pressen. Auch das Stralsunder Obstgut in Lüssow sei ein verlässlicher Partner. Auf dessen Plantagen war die Ernte „für diesjährige Verhältnisse noch recht gut“, wie Inhaber Johannes Eggert sagt. Neben der Direktvermarktung im eigenen Fruchthof beliefert das Stralsunder Obstgut den Öko-Obstverarbeiter Biosanica bei Grimmen, einen Großabnehmer in der Fruchtsaftindustrie sowie Derers Mosterei in Elmenhorst. Eggert: „25.000 bis 30.000 Flaschen Saft lassen wir dort pressen.“

Elke Ehlers


Experten erwarten Preisanstieg bei Obstsäften

7,5 Liter Apfelsaft werden laut Verband der deutschen FruchtsaftIndustrie pro Kopf und Jahr getrunken. „Wir sind Weltmeister im Pro-Kopf-Verbrauch“, sagt Geschäftsführer Klaus Heitlinger. Hinzu kommen pro Kopf noch sechs bis sieben Liter Apfelschorlen. Bei Fruchtsäften insgesamt sind es 33 Liter.

Wegen schlechter Ernte werden die Preise für Obstsäfte spürbar steigen. „Wir müssen damit rechnen, dass sich Apfelsaft spürbar verteuert“, meint Handelsexperte Matthias Queck von LZ Retailytics. Das betreffe auch Apfelfruchtsaftgetränke und Apfelschorlen. Im November/Anfang Dezember sei der Preisanstieg wahrscheinlich. Äpfel kosten für die Verarbeitung aktuell „fast das Dreifache“ dessen,was noch vor einem Jahr dafür bezahlt wurde, sagt Verbandsgeschäftsführer Heitlinger.

Discounter und Supermärkte bieten Apfelsaft in der untersten Preislage derzeit noch für 59 Cent pro Liter an. Das sei „im unteren Bereich dessen, was wir in den vergangenen zehn Jahren gesehen haben“, sagt Queck. Auch andere Obstsäfte, Kirsche zum Beispiel, seien in diesem Jahr schon teurer geworden. Hier lag der Tiefpunkt bei 49 Cent je Liter im Zeitraum Oktober 2009 bis November 2010.

FOTO: JAEKEL, ALMUT

Artikel der OZ (Zentralausgabe) vom 27.10.2017