Landwirte und Naturschützer setzen Copter ein, um die Tiere vor Tod oder Verstümmelung zu bewahren

1 Uhr nachts auf einer Wiese bei Krummenhagen: Ein Copter, ausgestattet mit einer Wärmebildkamera, überfliegt die 24 Hektar große Koppel, von der die Biobäuerin Claudia Resthöft aus dem zwischen Stralsund und Grimmen gelegenen Elmenhorst am nächsten Tag Heu für ihre Milchkühe ernten will. Stück für Stück erkunden Ehrenamtler des Vereins Wildtierhilfe MV mit Hilfe der Technik die Fläche.

Sie sind auf der Suche nach Rehkitzen. Die Wärmekamera findet schnell Leben auf der Wiese. Ein Quadfahrer macht sich auf den Weg dorthin, ausgestattet mit einer Videokamera. Mit ihm naht die Rettung für das Rehkitz, das versteckt auf dem Feld liegt.

Passiert ist das Anfang Juni, erzählt Claudia Resthöft vom Einsatz der Ehrenamtler und ihrer eigenen Mitarbeiter. „Danach konnten wir windschutzähnliche Netze einschlagen, die die Kitze umzäunen und sie vor Ort sichern“, sagt sie. Sechsmal sei ihnen das auf der Wiese bei Krummenhagen gelungen, siebenmal auf einer nur zehn Hektar großen Fläche bei Windebrak.

13 Kitze, die sonst den nächsten Tag nicht oder nur verstümmelt überlebt hätten, wurden so gerettet. Das Problem: Die Rehkitz-Mütter, die Ricken, legen ihren Nachwuchs im hohen Gras ab. Die Kitze aber bewegen sich instinktiv nicht bei Gefahr – weil das in freier Wildbahn ihr bester Schutz vor natürlichen Feinden ist.

Mit Mähwerken, die sich durch das hohe Gras fressen, hat die Natur bei der Wahl der Gefahrenabwehr nicht gerechnet. Jedes Jahr werden so Hunderte Kitze in Vorpommern verstümmelt. „Wir sind auch im vorigen Jahr vor der Mahd durch das Gras gelaufen und haben Lärm gemacht. Zudem rufen wir Jäger an und bitten um Hilfe“, sagt Claudia Resthöft. Aber in jedem Jahr erwischt es trotzdem einige Kitze.

Auch ihr selbst sei das schon passiert. „Das wünscht man niemanden – weder den Tieren noch den Fahrern.“

„Wenn man so ein Rehkitz erwischt, schreit es wie ein kleines Kind“, weiß Toralf Groth. Seit dieser Erfahrung kooperiert der Betreiber des Adap Landhofs Pantlitz bei Ribnitz-Damgarten vor der Mahd ebenfalls mit dem Verein Wildtierhilfe MV. Der Landwirt hält Mutterkühe und benötigt daher das eiweißhaltige Gras aus der frühen Mahd des Grünlands der umliegenden Recknitzwiesen. „Wenn die Wildtierhilfe nicht kann, sage ich den Jägern Bescheid“, so Groth. Der Einsatz von Hunden brächte allerdings nichts, hat er gelernt. „Die Kitze strahlen keinen Geruch aus. Ich habe schon erlebt, dass ein Hund einen Meter neben einem Kitz stand und es nicht bemerkte.“

„Ich habe selbst schon überlegt, mir eine solche Drohne zu kaufen, aber das ist einfach zu teuer und der Umgang mit der Technik nicht einfach“, sagt Claudia Resthöft. Deshalb sei sie froh gewesen, als sie den Kontakt zur Wildtierhilfe fand. „Allerdings waren die total ausgebucht“, erinnert sich die Landwirtin. „Ich bin hartnäckig geblieben, und schließlich hat es doch geklappt.“ Luftbilder ihrer Flächen hätte sie den Ehrenamtlern vorher geschickt. Denn in der Hitze dieses Frühsommers ist die Wärmekamera nur in den kühlsten und damit dunkelsten Nachtstunden effektiv. Am nächsten Tag musste schnell gemäht werden. Deshalb hätte sie sich ein zweites Mähwerk geliehen.

„Wir wussten ja nicht, wie lange die Kleinen in der Hitze ohne die Mütter durchhalten.“ Die Ricken seien dann auch schon recht aufgeregt herumgelaufen. Die schützenden Netze kamen aber erst ab, als das letzte Gras gemäht war.

„Wir können als Ehrenamtler leider nicht überall gleichzeitig sein“, sagt Frank Demke, Vorsitzender der Wildtierhilfe MV. Im Normalfall besichtigen die Helfer die Flächen, scannen Hindernisse in eine Karte ein und legen die Flugroute fest. Die Daten können in der nächsten Saison wieder genutzt werden. Ob die gefundenen Tiere in der Wiese bleiben oder in Sicherheit gebracht werden, entscheide der Landwirt. Eine Bergung erfolge immer mit wenig Körperkontakt zum Tier. „Mit Gras präparierte Schutzkleidung hilft“, so Demke.

Von dem Engagement der Tierretter sind Toralf Groth und Claudia Resthöft beeindruckt. Die Retter würden sogar Urlaub nehmen, um nachts oder in den frühen Morgenstunden ihre Drohne steigen zu lassen.

„In diesem Jahr haben wir fast 30 Kitze gefunden“, so Groth.

Doch das Problem bleibt für die meisten Landwirte bestehen. Denn die Drohnen sind rar. Die übliche Vorgehensweise ist deshalb die: Wird geerntet, werde dem zuständigen Jäger Bescheid gesagt, berichtet Walter Lonskowski, Vorsitzender des Rügener Bauernverbandes. „Wir fahren mit dem Mähwerk einmal außen herum, um die Tiere rauszujagen, oder mähen von innen nach außen und möglichst nicht sehr tief.“

„Dass Tiere bei der Mahd sterben, lässt sich nicht völlig vermeiden. Aber wir können die Verluste durch eine gute Kooperation inzwischen minimieren“, sagt Thomas Niessen, gerade gewählter Vorsitzender des Rügener Jagdverbandes. Schutzmaßnahmen müssten auf jeden Fall getroffen werden. Aber von wem? Weder Veterinäramt noch Jagdbehörde des Landkreises fühlen sich zuständig. „Natürlich begrüßen wir aber, wenn sich Landwirte und Jäger gegenseitig informieren“, sagt Kreissprecher Olaf Manzke Klare rechtliche Regelungen gebe es in der Sache nicht, teilt Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) auf Anfrage mit. Er fordere jeden Landwirt auf, vor dem Mähen die Jäger zu informieren und selbst möglichst auf der entsprechenden Fläche lautstark aktiv zu werden. Die beste Möglichkeit, um Kitze aufzuspüren, aber seien die Drohnen mit Wärmebildkameras. Allerdings weiß er auch, dass die Ehrenamtler von der Wildtierhilfe mit den Anfragen überfordert sind.

Dieter Curschmann, Vorsitzender des Nabu Nordvorpommern, ist zugleich Jäger. „Das beste wäre, wenn sich Jagdgenossenschaften solche Geräte anschaffen“, meint er. Genau das hat sich Thomas Niessen vorgenommen. „Allerdings kostet solch eine Drohne rund 15000 Euro. Und drei oder vier solcher Kamerasysteme würden wir allein für die Insel Rügen brauchen“, glaubt er. Gegenwärtig werde die Anschaffung dieser Drohnen nicht gefördert, sagt der Landwirtschaftsminister. „Das werden wir aber prüfen und anregen“, verspricht Backhaus.

Almut Jaekel und Uwe Driest

FOTO: JORGE SANZ/DPA

Artikel der OZ (Lokal Stralsund, Grimmen) vom 23.06.2018